Sonntag, 31. Mai 2009

Tag 12 - Schreck zur Mittagszeit

Eigentlich wollte ich heute die Geschichte von Klaus „Maria“ erzählen, der seine Windjacke im Hotel in Sukeva vergessen hatte. Oder die Geschichte vom „Packtaschen abwerfen“, die immer wieder geschieht wenn unser Begleitfahrzeug ankommt. Oder die Geschichte zum Joachim („Joschi“), der uns am späten Abend für eine Feier im September eingeladen hat. Oder die Geschichte von der Abkürzung, die uns schon nach 120 Kilometern nach Paljakka hätte bringen sollen.
Alle diese Geschichten müssen warten, denn es kam der Wind dazwischen. Nicht der Fahrtwind, den hatten wir heute lange auf der Nase. Nein, der Wind, der dafür verantwortlich war, dass um 13.21 Uhr mein Handy klingelte. Gerhard war dran und berichtete vollkommen unaufgeregt, dass unser Anhänger im Straßengraben liege und der „Arena“ schräg in der Böschung hänge. Ihm sei nichts passiert. Was jetzt. Wir änderten unsere Route und traten noch ein wenig fester in die Pedalen. Nach zwei Stunden und 15 Minuten hatten wir die 40 Kilometer geschafft uns konnten uns vergewissern was geschehen war. Eine Windböe hatte unser Gespann erfasst und in den Straßengraben gedrückt. Gerhard konnte „Gott sei Dank“ den Bus abfangen und so hat er nur zwei kleine Dellen und ein paar Kratzer – ist aber voll einsatzfähig, schließlich muss er ab Dienstag für unsere Begleitmannschaft zur Verfügung stehen. Auch der Anhänger hat auf den ersten Blick keine größeren Schäden. Die Kupplung ist aber verbogen und muss gerichtet werden. Also: Polizeiaufnahme, Abschleppdienst, Gepäck zurück an die Fahrräder – und dann machten sich Gerhard und Bernd (der hatte sein Rad in den Bus gestellt) mit auf den Weg zur Autowerkstatt. Natürlich hat die auch in Finnland am Pfingstsonntag geschlossen – und so werden wir erst am Montag erfahren, wann wir den Anhänger wieder abholen können. Die Unfallmeldung der örtlichen Polizei gab es auf einem kleinen Stück Papier - gleich in drei Sprachen. Und der Abschleppdienst konnte gleich noch ein zweites Auto mitnehmen, dies hatte es am Vormittag an der gleichen Stelle erwischt.
Fahrrad gefahren sind wir natürlich auch. Ziemlich weit und wieder eine ganze Menge an Höhenmetern – und alles erneut in der strahlenden finnischen Sonne, die uns gegen 5 Uhr weckt und gegen 23 Uhr ins Bett begleitet. Mit jedem Tag den wir weiter nach Norden fahren ist sie länger bei uns – das kann gerne noch eine ganze Weile so gehen.

Höhenmeter 893


Samstag, 30. Mai 2009

Tag 11 - Gerhard ist da

Der erlösende Anruf kam um 8.35 Uhr. „Ich bin schon hinter Helsinki“ – meinte Gerhard am anderen Ende der Leitung. Er war mit Bus und Anhänger gut in Finnland gelandet und jetzt auf dem Weg zu uns. Wir machten uns bei herrlichem Sonnenschein auf den Weg nach Norden. Das Frühstück in Keitele verlieh uns Kraft, vor allem der Fisch am frühen Morgen macht schon Laune auf das Abendessen. Jetzt musste aber erst einmal geradelt werden. Schon nach 20 Kilometern mussten wir die Windjacken ausziehen – Sonnenmilch war angesagt. Die Sonne brannte schon am frühen Samstag und bei etwas Glück ist sie auch um 23 Uhr noch da. Überhaupt ist es schon ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn es spät abends einfach nicht dunkel werden will. Wir kamen gut voran. Hier ein Bild von einer Holzkirche, dort ein Schnappschuss in die Landschaft und schon waren wir kurz vor 13 Uhr in Ilsakmi, immerhin bei Kilometer 86. Jetzt war Pizzazeit. Wir stärkten uns – und das sollte nötig sein, wenn die letzten Kilometer auf der E 63 waren eine einzige Berg- und Talfahrt. Und da geht es am Sonntag weiter. Eine Kaffeepause – herrlich am See gelegen – und schon waren wir in unserem Motel. Räder putzen war angesagt – und dann bog er ein. Kurz nach 18 Uhr war Gerhard da. Mit dem großen Anhänger und unserem 60 PS-„Arena“, erprobt in Istanbul und Palermo und jetzt auf dem Weg zum Nordkap. Gerhard wurde herzlich empfangen. Karl-Georg bot ihm sofort einen Platz auf seiner Stube an und wir freuen uns auf das Abendessen, denn dazu gibt es heute (Dank Gerhard) einen guten Tropfen Wein.


Freitag, 29. Mai 2009

Tag 10 - Karl ist weg

Der Tag begann mit Verzögerung. Jochen (aus Ginsheim) und Karl (von dem wird später noch zu berichten sein) kamen ein paar Minuten später zur Abfahrt. In Jyväskylä legten wir an einer Apotheke einen kurzen „Stopp“ ein (Harald suchte nach Augentropfen) und anscheinend sind Apothekenbesuche hochgradig ansteckend, denn gleich fünf Euroradler folgten ihm. So dauerte es eine knappe Stunde, bis wir die mittelfinnische Industriestadt verlassen hatten. Der Verkehr auf der nordwärts führenden Ausfallstraße war nicht zu unterschätzen, nahm jedoch mit jedem Kilometer ab. Wir kamen gut voran und waren nach gut 60 Kilometern schon in Konnevesi. Die Mittagsrast war typisch finnisch. Ein Buffet – mit Hackbraten, Kartoffen, Krautwickeln, Gemüse, Salaten und natürlich Brot und Kaffee – hatte für jeden von uns genug zu bieten um gut satt zu werden.
Und wer es dann zur Abfahrt immer noch nicht war, der konnte sich noch ein Eis genehmigen.
„Ich fahr dann schon mal vor“ meinte Karl, ihr holt mich ja bald ein“. Genau 13 Minuten später fuhren wir los. Wir fuhren und fuhren – von Karl war nichts zu
sehen.
In Vesanto war unsere Kaffeepause geplant. Bevor wir uns bei Apfelkuchen und Kaffee niederließen: der Griff zum Handy – „wo bis du Karl?“ – „13 Kilometer vor Vesanto!“ Die Lösung des Rätsels sollten wir eine ¾ Stunde später erfahren. Karl war falsch abgebogen, landete auf einer unbefestigten Straße und an einem See war dann Schluss. Also zurück. Und so war er nicht vor sondern hinter uns. Zur Folge hatte dies, dass er von dem Apfelkuchen nichts mehr bekam – sondern nur noch ein Kaffeestückchen (und das vom Vortag). Jetzt blieb er brav in der Gruppe und wir kamen mit allen 15 Radlern in Keitele, direkt am See an. Joachim (Joschi) hatte heute die Besenrolle übernommen und diese sehr frei interpretiert – aber daran lag Karls Ausscheren nicht. In Keitele wurden wir herzlich begrüßt. Derhi spricht hervorragend unsere Sprache, auch wenn sie es in Österreich gelernt hat und hilft uns bei der Organisation des Abendessens. Fisch und Fleisch, Gemüse und Kartoffeln, Salate und Obstsuppe mit Sahne und natürlich Kaffee. Ach ja - Bernd schaffft es auch an diesem Abend mit einem Besuch in der Sauna.



Donnerstag, 28. Mai 2009

Tag 9 - 1.000 Kilometer und die bergige Seenplatte



Die 1000 Kilometer-Marke ist gefallen. Vollkommen unspektakulär, kurz vor der Kaffeepause war es soweit. Die Radler, die in Bischofsheim gestartet sind, haben den ersten Tausender „voll“. Voller schöner Eindrücke war auch der erste Tag, der die Euroradler quer durch die finnische Seenplatte führte. Ein kräftiges Frühstück, mit viel Gemüse, Salat, Müsli, Haferbrei und dunklem Brot –und dann konnte es los gehen. Die Sonne lachte schon seit 6 Uhr in der Früh und so verflogen die ersten Kilometer – auch Dank des gut stehenden Rückenwindes. Bei Pulkkaila dann der erste Fotostopp: Der Damm am südlichen Päijäneesee war Finnland – so wie man es sich im Fotoalbum vorstellt. Die Sonne, die durch das Birkenlaub gebrochen sich im Wasser spiegelt – Herz was willst du mehr. Das Radlerherz natürlich Bananen, und so hieß es in Sysmä erst einmal die Vorräte wieder auffüllen, schließlich gehört schon ein wenig Kraft dazu an zwei Tagen 330 Kilometer zu fahren und dann auch noch fast 2.200 Höhenmeter zu überwinden. Wenn der höchste „Berg“ des Tages gerade einmal 156 Meter misst, aber am Abend 1.100 Höhenmeter auf dem Tacho stehen, dann sagt das schon genug über die Strecke. Weiter ging es am späten Vormittag und den ganzen Nachmittag nach Norden, immer östlich des Päijänne, der sich über mehr als 120 Kilometer erstreckt. Eine kleine Mittagsrast mit Spargelcremsuppe (was sollen Groß-Gerauer auch in Finnland anderes essen) und dann ging es weiter nach Norden. Unvermeidlich die letzten 25 Kilometer auf der E 63. Geschlossene Formation, immer korrekt hintereinander auf dem Seitenstreifen, die Euroradler kamen sicher nach Jyväskylä, wo sie sich jetzt auf das Abendessen und den nächsten Tag freuen – denn der hat nur 140 Kilometer. (Geplant!). Das Buffet verspricht „Spannung“, wie Willi bemerkt und es gibt sogar dazu das passende (finnische) Bier. Da kann man ein Glas mehr trinken, ohne dass man es „merkt“. Mal sehen, ob es Bernd schafft bis zum Nordkap jeden Tag die Sauna zu besuchen. Gestern schaffte er es kurz vor Mitternacht, heute zwischen Ankunft (19.15 Uhr) und Abendessen (20.45 Uhr).



Mittwoch, 27. Mai 2009

Tag 8 - Der lange Weg aus Helsinki


Das Frühstück auf der Fähre ließ bei uns noch einmal Urlaubsstimmung aufkommen. Noch schien die Morgensonne, doch mit dem Anlegen im neuen Hafen bewölkte es sich an diesem frühen Mittwoch. Mit einigen Problemen schafften wir es die Fahrräder von der Fähre zu bringen. Stephan, Bernd, Jörg, Gabriele, Dietrich und Joachim warteten schon. Schnell waren die Räder bepackt und dann ging es los. Nicht so einfach wie gedacht, die neuen Straßennamen machten das Navigieren nicht gerade leicht, und so dauerte es gut zwei Stunden bis wir die finnische Hauptstadt hinter uns gelassen hatten. Jetzt kam der Regen und Willi hatte einen Platten. Wie schön hätte es sein können, wenn nur ein wenig finnische Sonne bei uns gewesen wäre. So freuten wir uns an einer kräftigen Gemüsesuppe zur späten Mittagszeit – und hatten großes Glück. Auf den kommenden 100 Kilometern hinter der Golfanlage – wo wir gerne zu Gast waren – gab es weder einen Supermarkt, noch eine Tankstelle oder eine andere Einkaufsmöglichkeit. So fiel dann auch unsere Kaffeepause einfach aus und wir radelten unserem Abendquartier entgegen: herrlich gelegen – oberhalb des Sees und zum Abendessen gab es frischen Lachs – aber kein Bier – vielleicht ist das auch gut so, schließlich warten morgen wieder 160 Kilometer auf uns.



Höhenmeter 1.035

Dienstag, 26. Mai 2009

Tag 7 - Umplanen auf See

Das geschäftige Treiben im Hafen ließ die Zeit schnell vergehen – und dann bekamen wir den freundlichen Hinweis, dass wir mit den Fahrrädern an Bord fahren können. 9 Personen und 15 Fahrräder – und fahren – nicht laufen – wie kann das gehen? Ganz einfach: zuerst fahren 8 Radler los. Einer bleibt bei den restlichen Fahrrädern. Von den 8, die auf dem Schiff angekommen sind werden sechs mit einem Kleinbus zurück gefahren (zu Fuß gehen ist nämlich nicht erlaubt). Dann kommen die 6 mit den restlichen Rädern (und natürlich mit dem „Wache schiebenden“ restlichen Radler) an Bord. Wir haben diese mathematische Höchstleistung eine Stunde vor Mitternacht ganz alleine vollbracht; ohne Karsten – der war zu der Zeit mit den Rückfahrern schon in Reinfeld – der letzten Nacht vor der Heimreise.
Wir machten uns an Bord der Finnstar schnell mit den neuen Gewohnheiten vertraut. Die Uhr eine Stunde vorstellen – und schon war Mitternacht vorbei und wir voller Vorfreude auf unser Abendessen – oder war es ein erstes Frühstück?
Bis zum „zweiten“ mussten wir uns dann nicht lange Zeit lassen. Ab 9 Uhr (in Deutschland 8 Uhr) konnten wir dann in aller Ruhe (wohl zum letzten Mal für lange Zeit) die skandinavische Küche genießen. Jochen F. hatte es als erster bemerkt: unser Schiff fährt in den neuen Hafen – 15 Kilometer östlich von Helsinki ein. Was zuerst nur ein Gerücht war, entpuppte sich nach einem Gespräch mit dem Zahlmeister als harte Realität. Also umplanen. Bernd anrufen und die Flieger informieren. Mit Stadtplan und Routenplaner den besten Weg auskundschaften (Willi nicht mit in die Sauna begleiten), die Kilometer neu berechnen, den Zeitfaktor einkalkulieren – und hoffen, dass wir auch so nach Tuusla, der ersten Stadt außerhalb von Helsinki kommen, ohne dass wir zuviel Zeit verlieren. Warum sollte auch einmal alles ohne Hindernis gehen

Zwischenbilanz - auf See

Voller Sehnsucht nach den Fjorden
und mit Sonne im Gepäck
zogen wir hinauf nach Norden -
früh um sechse war´n wir weg.

Bald schon waren überwunden
Taunus und auch Westerwald.
Dann - nach weiteren 4 Stunden -
blitzt es plötzlich - und es knallt!

Doch es gibt für uns kein Halten,
denn das Tagesziel ist nah.
Letzter Anstieg - kurz mal schalten,
und dann sind wir auch schon da.

Von der Lahn bis an die Leine
gibt es manchen steilen Pfad.
Dank sei Thomas, dass er keine
Steigung ausgelassen hat.

Schließlich rollt man durch die Heide,
völlig locker und entspannt.
Keine Berge - pure Freude,
blauer Himmel, grünes Land.

Kaffeepause wird verschoben,
nur, damit uns nichts entgeht:
Wolfsburg vorne, Mainz ganz oben!
Wir sind immer up-to-date!

Wieder geht es auf die Piste
mit dem Wind, der günstig steht,
bis hinauf an Deutschlands Küste,
wo es nicht mehr weiter geht ...

Doch des Euroradlers Ehre
akzeptiert die Grenzen nicht,
denn es gibt ja eine Fähre,
die hier in die Ostsee sticht.

Also kann man weiter rollen,
wie der Wind auch immer dreht,
zu den Elchen, zu den Trollen -
bis es nicht mehr weiter geht.